Vienna Cantat 2024
Im Rahmen der Vienna Cantat 2024 stand unser Konzert unter dem Motto „Leise, ganz leise“ – dieser Gedanke zog sich als feiner roter Faden durch den gesamten Abend. Gemeinsam gestalteten wir ein Adventskonzert, das traditionelle und neue Musik miteinander verband und bewusst die leisen Töne in den Mittelpunkt stellte.
Organisiert hat diesen besonderen Abend das Chorforum Wien, das mehrere Vokalensembles und Chöre zusammenbrachte: Die Stimmbänd unter der Leitung von Judith Gewessler, Vox Cordis mit Andrea Köhler-Atzorn, das Vokalensemble Soundbar unter Michaela Jank und wir, d’accord wien, geleitet wie immer von unserer Katja Kalmar. Ergänzt wurde das Programm durch Flöten-Intermezzi sowie den gemeinsamen Abschluss aller Chöre unter der musikalischen Leitung von Andrés García.
Der Abend begann nicht mit einem großen Klang, sondern mit einem Flötenvorspiel, das den Raum öffnete und das Publikum behutsam in diese musikalische Adventsreise führte. Was folgte, war ein fein kuratiertes Programm, das sich wie ein Mosaik aus unterschiedlichen Klangwelten zusammensetzte. Und dann entstand der Spannungsbogen, der die verschiedenen Ensembles und Chöre miteinander verband und mit unserem Auftritt endete:
Mit „Am Berge hoch droben“ veränderte sich die Atmosphäre spürbar. Wir ließen die Melodie nicht einfach erklingen, sondern entstehen. Klar, ruhig und mit einer fast erzählerischen Selbstverständlichkeit wuchs der Klang aus der Stille heraus. Katja Kalmar formte die Phrasen mit ruhiger Hand und gab ihnen genau den Raum, den sie brauchten.
„Still, still, still“ führte diese Linie weiter, aber noch feiner, noch konzentrierter. Hier zeigte sich unsere besondere Stärke als Chor, die in einigen Proben die Geduld unserer Chorleiterin strapaziert hatte, hier nun aber eine verdiente Bühne bekam: Dynamik als lebendige Bewegung zu verstehen. Die Stimmen verschmolzen zu einem homogenen Klang, der sich weich in den Raum legte – kein statisches Piano, sondern ein atmender, sich entwickelnder Klangfluss.
Mit der Uraufführung von „Heiligabend“ von Günther Mohaupt kam dann ein Moment der Gegenwart ins Spiel. Das Stück wirkte wie ein bewusster Bruch, und gleichzeitig wie eine Erweiterung des bisher Gehörten. Ungewohnte Harmonien, feine Spannungen, die sich nicht sofort auflösten. Gerade dieses Stück hatte uns bereits in den Proben intensiv gefordert: das genaue Hinhören in die Akkorde, das Aushalten von Reibungen, das Finden einer gemeinsamen Klangvorstellung jenseits vertrauter Tonalität. Immer wieder mussten wir neu ansetzen, feiner justieren, mutiger werden. An diesem Konzertabend entlud sich dies nun in einer konzentrierten Wachheit, aus der heraus sich die Musik organisch entfaltete.
„O du stille Zeit“ brachte uns zurück in vertrautere Klangräume, doch auch hier blieb alles in Bewegung. Kleine Verzögerungen, bewusst gesetzte Akzente und ein sensibles Ausbalancieren der Stimmen machten den Vortrag lebendig und unmittelbar.
Dann kam mit „Salelaka Mokonzi“ ein energetischer Impuls, der den Abend noch einmal öffnete. Rhythmisch präsent, klanglich farbig und mit spürbarer Freude gesungen, brachten wir eine neue Dimension hinein. Und plötzlich zeigte sich eine andere Facette des Mottos „Leise, ganz leise“: nicht als bloße Zurücknahme oder andächtige Ruhe, sondern als ein genaues Hinhören, als innere Aufmerksamkeit, die auch in Bewegung und Rhythmus bestehen kann. Das „Leise“ lag hier im feinen Aufeinander-Reagieren, im präzisen Ineinandergreifen der Stimmen, im gemeinsamen Puls. Die Musik wurde körperlich, direkt – und gerade dadurch intensiv erfahrbar. Nicht laut im äußeren Sinn, sondern wach, präsent und von innen heraus getragen – ein Moment, der das Publikum hörbar mitriss.
Mit „Have yourself a merry little Christmas“ fanden wir schließlich einen warmen Abschluss. Wir hielten die Interpretation bewusst zurück, ließen Raum für Zwischentöne und entwickelten gerade daraus ihre Wirkung. Kein Pathos, kein Überladen – stattdessen ein ruhiger, nachhaltiger Ausklang.
Im großen gemeinschaftlichen Finale des Abends, mit „A Spur durch’n Schnee“, „Leise, ganz leise“ und dem „Andachtsjodler“ als Zugabe, verbanden sich unter der Leitung von Andrés García schließlich alle Stimmen des Adventskonzerts zu einem großen Ganzen.
So bleibt für uns die Erinnerung an einen Abend, den wir gemeinsam gestaltet haben: vielfältig, fein abgestimmt und getragen von der Idee, Musik nicht laut, sondern bewusst leise wirken zu lassen.
Text: Sophie Tüllmann