Verdi Requiem 2019

Vom Waschsalon ins Konzerthaus

„Nein, bitte nicht“, da sitze ich also, im großen Saal des Konzerthauses und es passiert das, was immer passiert an der leisesten und emotionalsten Solo-Stelle des Konzertes: Ein psychosomatischer Hustenanfall. Nachdem ich in den letzten zwei Monaten exakt nicht einmal gehustet habe… Meine Augen tränen und ich beginne zu schwitzen in meinem verzweifelten Versuch, den Husten zu unterdrücken. Denn diesmal sitze ich nicht im Publikum, sondern unter 280 Choristinnen und Choristen auf der Bühne – Scheinwerfer und etliche Mikrophone auf uns gerichtet, die das Konzert für die Nachwelt aufzeichnen. Wie bin ich bloß hier gelandet?

„Unser nächstes Projekt ist das Verdi-Requiem. Im Konzerthaus. Magst du mitsingen?“
hatte mich meine Freundin Katja gefragt. Nachdem ich bei der Geburtsstunde des Chores im Waschsalon 2012 mitgesungen und auch beim zweiten Projekt inklusive erstem Chorwochenende dabei gewesen war, hatte ich die letzten Jahre wohnort- und berufsbedingt pausiert. Aber jetzt. Wollte ich mitsingen. Im Konzerthaus.

Der BAchCHorWien hatte dieses Projekt initiiert und uns, sowie den Chor KONTROVERSE, chorus delicti, K.Ö.H.V. Waltharia eingeladen, gemeinsam das Werk unter der künstlerischen Leitung von Prof. Ernst Wedam und begleitet durch das Bratislava Symphony Orchestra aufzuführen. Als SolistInnen konnten Caroline Wenborne, Zoryana Kushpler, Vincent Schirrmacher und Ayk Martirossian aus dem Ensemble der Wiener Staatsoper gewonnen werden.

Die erste Probe stellte einen gewissen Schlag in die Magengrube dar. Nach unseren ersten eher spaßigen Chorgesangsprojekten vor sieben Jahren hatte der Chor sich nicht nur bezüglich der Mitgliederzahl vervielfacht sondern auch echte Quantensprünge in der musikalischen Qualität hingelegt. Plötzlich konnten die alle singen – und ich war ziemlich überfordert. Aber ich blieb dran, hörte mir im Urlaub meine Stimme in Dauerschleife an und freute mich über stimmstarke Mitsängerinnen, die mir an den schwierigen Stellen extralaut ins Ohr sangen.

Und dann war das schon alles ziemlich toll. Das Probenwochenende in St. Pölten, wo erstmals alle Chöre zusammen kamen. 250 Stimmen sich aufeinander einstimmten, einen Klangteppich bildeten, bei dessen Intensität ich mehr als einmal plötzlich feuchte Augen und eine Ganzkörper-Gänsehaut hatte. Die gemeinsame Probe im wunderschönen Festsaal des akademischen Gymnasiums, bei denen die Solistinnen dazukamen. Die Fahrten nach Bratislava, wo sich Stück für Stück das Orchester einfügte, das Requiem in seiner Gesamtheit erkennbar wurde (das Fagott, die Querflöten… – meine Güte, so schön!)

Als krönender Abschluss stand also der Auftritts-Sonntag im Konzerthaus bevor, wir waren alle ziemlich aufgeregt. Katja hatte uns in einer Mail am Vortag noch liebevoll Mut zugesprochen (ich zitiere): „Diese bisschen Luluhaftigkeit hat dann leider zur Folge, dass die Intonation abkackt und ich Verdauungsprobleme bekomme…..Die Sopranistin hat eh tapfer versucht die Intonation zu halten, aber ihr habt sie gnadenlos in die Hölle gezogen. Ihr seid gestern am Schluss einen GANZTON! tiefer angekommen – kommt auf jeden Fall ins Guinessbuch.“

Die Bühne musste verlängert werden, um dieser unfassbare Menge an Menschen (270 ChoristInnen + 70 Instrumentalmusiker + 4 SolistInnen + „der Wedam“) Platz zu bieten, dennoch war es zimelich eng in unseren Reihen. Und ein wunderschönes Erlebnis. Dieser prachtvolle Raum, 1700 erwartungsvolle Gesichter im Publikum (wir waren ausverkauft!), eine ganz festliche und würdevolle Stimmung und ein dramatisch-emotionales Stück.

Dem Hustenanfall konnte ich übrigens mit intensiver Yoga-Atmung beikommen. Und Katja war dann in ihrer Feedback-Mail am nächsten Tag ziemlich stolz: „Ihr seid eine tolle Gruppe und ich bin natürlich ganz verliebt in jeden Einzelnen von euch (und jede Einzelne;-))“

Hannah