„Und es ward Licht“
Haydns Schöpfung mit d’accord wien: Ein Adventwochenende voller Klang und Staunen

Am ersten Adventwochenende 2025 verwandelte sich die Lutherkirche im 18. Wiener Bezirk in einen vibrierenden Klangraum. An zwei Abenden durften wir miterleben, wie ein Werk, das vor 227 Jahren in Wien uraufgeführt wurde, erneut zu pulsierendem Leben erwacht: Haydns drittes Oratorium, Die Schöpfung, in der Kammerorchesterfassung von Joe Hickman.
Seit dem Sommer haben wir – locker zunächst, mit Fokus auf Intonation, dann intensiver und mit voller Aufmerksamkeit auf Musikalität – an den vielen Chorstellen in Haydns Werk geprobt. Der Rahmen ist festlich und wir diesmal ganz in schwarz, ohne die sonst üblichen goldenen Akzente. Aufregung mischt sich in die Vorfreude: nur nicht reinsingen an den falschen Stellen, dafür alle Einsätze erwischen, noch schnell ein Rettungszuckerl für den Hustenanfall einstecken.
Wir als Chor bilden an diesen zwei Konzertabenden den mächtigen Resonanzkörper und lassen die Klangfarben Haydns leuchten – mal kraftvoll eruptiv, mal schwebend und transparent. Die Sangesstimmen werden von Musiker:innen der Camerata Medica Wien getragen. Auf dieser klanglichen Grundlage entfalten auch die drei Solist:innen ihre Rollen als Erzengel, die durch die Schöpfung führen: Sarah Molnar (Sopran) als Gabriel, und später als zart-strahlende Eva, Fabio Lahass (Tenor) als Raphael, und Benjamin Harasko (Bass) in der Rolle von Uriel und später als Adam.

Die Gegenwart einer musikalischen Geschichte
Haydns Schöpfung ist ein Kind der Aufklärung: ein Werk, das die Ordnung der Welt feiert, die Pracht der Natur heraufbeschwört und den Menschen als empfindsames Wesen inmitten dieses Wunders zeigt. Dass die Uraufführung damals im Palais Schwarzenberg stattfand, Haydn selbst den Takt vorgab und niemand Geringerer als Antonio Salieri am Flügel saß, wirft einen historischen Glanz auf dieses Oratorium. Doch seine Botschaft, die Schönheit des Planeten, der uns anvertraut ist, ist heute brennend aktuell. Gerade jetzt, in Zeiten des Klimawandels, klingen Haydns Jubelrufe auf das Leben wie eine liebevolle Erinnerung und gleichzeitig wie ein zeitloses Mahnmal.
Musikalische Höhepunkte – vom ersten Licht bis zum Paradies
Es gibt Momente in Haydns Schöpfung, die jedes Mal aufs Neue eine Gänsehaut auslösen, so auch an den beiden Konzertabenden. Der erste Gänsehautmoment gleich zu Beginn, mit dem nach der dunklen musikalischen Finsternis am Anfang plötzlich das Licht „geschaffen“ wird. Das Orchester strahlt auf, der Chor entfaltet sich, und die Pauken lassen unseren forte-Dreiklang-Urknall kraftvoll pulsieren. Für einen Herzschlag scheint die ganze Kirche zu leuchten.
Nachdem der zweite Tag erledigt ist, dürfen wir wieder als Himmelsbürger staunen und frohlocken. In der Tat ist die Aufgabe des Chores in diesem Werk über weite Strecken die des Danksagens, Lobpreisens und Ehrens. Schon okay, machen wir. In unseren Noten findet sich am Ende des zweiten Tages der handschriftliche Vermerk „Chor setzt sich hin“, der allerdings bis auf die Schwangeren und Krückenträger:innen unter uns leider nicht gilt. Wir stehen also tapfer 120 Minuten durch und blättern alle Arien und Orchesterstücke mit. Zwischendurch bekommen wir immer wieder Gänsehaut. Zum Beispiel beim breiten Strom, den Raphael in einer aufsteigenden herrlichen Akkordzerlegung besingt, oder wenn den Wunden Heil sprosst, wie Gabriel erläutert. Dann sind wir wieder dran mit weiterem Lobgesang und einer wunderbaren Fuge, da Gott Himmel (hoch) und Erde (tief) bekleidet hat.
Während der Rezitative, in denen die Erzengel – unsere drei Solist:innen – die Handlung vorantreiben, lauschen wir andachtsvoll und gebannt, auch ob die Orchestereinsätze alle entsprechend hinhauen. Gänsehaut ist auch angesagt, als dann eine jener harmonischen Überraschungen folgt, an denen sich Haydns Genie zeigt: Die Erschaffung von Mond und Sternen, in zarten, himmlischen Klängen, die an diesem Abend die Zuhörer:innen hörbar staunen lassen.
Gleich darauf das nächste Chorstück: Wir und die Himmel erzählen von der Ehre Gottes, wobei wir geflissentlich alle Doppelkonsonanten abschwingen und alle Vokale neu an der Glottis ansetzen. Es klingt festlich und erhebend.

Dann wieder eine längere Chorpause, während derer wir dahinschmelzen ob der herrlich farbigen, fast theatralen Szenen, in denen die Tiere auf die Bühne der Welt treten: die fliegenden, die schwimmenden, die schreitenden Wesen, vom Adler bis zum Gewürm. Hier brillierte Benjamin Harasko mit erzählerischer Hingabe und stimmlichem Humor.
Auch die Sopran-Arie mit den gurrenden Tauben zog Publikum, wie Chor in den Bann, ein Augenblick, in dem Sarah Molnar mit verspielter Eleganz und unglaublicher Präzision das Naturbild zum Klingen brachte. Ihre glasklaren Fugen-Läufe im weiteren Verlauf des Oratoriums begeisterten sowohl musikalische Kenner:innen als auch jene, die Haydn an diesem Abend vielleicht zum ersten Mal live erleben durften.
Text-Highlights, besonders für das jüngere Publikum, gibt es hier einige, nicht nur dass Gott „große Wallfische“ schuf, auch den Hinweis auf Leviathan, der sich vom tiefsten Meeresgrund wälzt, finden wir beachtlich. Dann ist die Großfauna an der Reihe: Wir schmunzeln, wenn plötzlich der Löwe vor Freude brüllend dasteht, der gelenkige Tiger emporschießt oder die Rinder bereits in Herden abgeteilt auf den grünen Matten stehen.
Und dann kommt er endlich – der Mensch, zuerst (selbstverständlich) der Mann, danach und aus ebendiesem, das Weib. Den Text finden wir stellenweise schon – gelinde gesagt – verstaubt, ist er doch Abbild einer alten Gesellschaftsordnung: Hinterfrage nicht, sonst ergeht es dir schlecht, das „Weib“ (sie: im O-Ton unschuldig lächelnd) gehorcht dem Mann (er: heller Blick, Geist Gottes) und Ähnliches. Wir erkennen aber sowohl kulturhistorischen als auch Unterhaltungswert.
Besonders fein ist es, wenn Gott sieht, dass er das wirklich toll hinbekommen hat – „und es war sehr gut“. Wir loben also wieder in frischem Vivace: „Vollendet ist das große Werk“. Die Fuge lässt uns schwelgen und jede:r freut sich auf seine Weise. Nach einem kurzen Intermezzo der Erzengel geht es weiter mit der Vollendung, diesmal lobe alles seinen Namen, denn er allein ist hocherhaben. Eine unserer Lieblingsfugen – wir singen mit Begeisterung aus den Augen, lösen zwischendurch den Kehlkopf und lassen uns von der mächtigen Musik mitreißen. Alleluja – auch in den Sforzati des Orchesters – und wir tragen festlich und breit unsere Abschluss-A-lle-lu-jas vor, in der Hoffnung, nicht allzu sehr zu laufen.
Und schließlich die zarten, innigen Duette von Adam und Eva, in denen Sarah Molnar und Benjamin Harasko ein kleines Paradies inmitten der vollbesetzten Kirche entstehen ließen. Eva und Adam sehen dann die Welt – „So groß, so wunderbar“. Und uns überläuft ein Schauer, denn das ist wohl wahr. Wir stimmen auch gleich ein, mit „Gesegnet sei des Herren Macht“, wobei wir „ohne Text“ (musikalische Anleitung der Chorleitung) singen, aber trotzdem (hoffentlich) mit viel Körper. Gleich darauf machen wir „des Herren Macht und seinen Ruhm“ kund und lobsingen dann wiederum alle Gott. Das Crescendo bei „ihr – ihr Tiere, lobet alle Gott“ bringt die Luft zum flirren und beschert uns kollektiv Gänsehaut. Ein ganz besonderer Moment ist für fast alle von uns der Haydnsche Paukenschlag im folgenden „Heil dir, oh Gott“ – wenn wir zunächst sektenartig „Dich beten Erd und Himmel an“ rezitieren, um dann gleichzeitig mit einem Aufbranden vom Piano ins Forte kollektiv einen Oktavsprung zu vollführen.
Wenn im abschließenden Duett Adam und Eva von Morgentau und Früchtesaft singen – der ihnen ohne den jeweils anderen selbstverständlich nichts wäre – bekommen viele von uns, nachdem nun bereits fast 120 Minuten vergangen sind, Durst. Und dann sind wir auch schon am Ende: Wir singen unsere fulminante Schluss-Fuge „Des Herren Ruhm, er bleibt in Ewigkeit“ – mit vielen, vielen Koloraturen, zwei verschiedenen Fugenthemen, die gemeinerweise einmal mit einem Quintsprung und einem Quartsprung beginnen. Bex und Agnes weben solistisch ihre Koloraturen, in die von Sarah und dann singen wir nochmals „dem Herren alle Stimmen“. Das Amen am Schluss klingt königlich, feierlich, schön. Applaus brandet auf. Geschafft.
Die Schöpfung als Lehrstück
Wir haben musikalisch einiges gelernt in diesem Projekt: das Bemühen um klare Fugeneinsätze, das Abschwingen langer Töne und das Koloraturen singen (mit viel Hecheln in der Vorbereitung); wir haben von Findungsmomenten und Engführung der Fuge gelernt – und was es bedeutet, ein Werk mit Orchester einzustudieren.
Die Proben mit Orchester waren für viele von uns in der Tat eine große Herausforderung. Wir Chorlis staunen wieder einmal aufs Neue über Katjas Ausdauer und Hingabe – und über ihre dirigentische Vielfalt und Wendigkeit. Während der Proben stehen viel und singen wenig – so ist das, wenn man als Chor eben nur eine Stimme im musikalischen Gesamtgefüge bildet. Unsere Generalprobe – etwas über fünf Stunden intensive Probenarbeit, für viele von uns die bereits beim Aufbau mitangepackt haben, noch deutlich länger – endet kurz nach 23:00 Uhr. Katja macht das Beste aus dem wenigen Platz, der für Chor, Orchester und Solist:innen zur Verfügung steht. In Katjas Blick spiegelt sich jeder falsche Ton, welchem Instrument oder Stimmgruppe er auch entkommen mag. Sie bleibt dennoch stets ruhig und beharrlich, probt kritische Stellen und Übergänge mehrfach – und es wirkt, wie wir meinen.

Das Ende vom Anfang
Die Schöpfung ist ein Werk über den Anfang der Welt. Doch an diesem Adventwochenende schenkte sie allen, die da waren, ein Gefühl des Neubeginns, ein Aufflammen von Licht in dunkler Jahreszeit, ein Staunen über die Schönheit der Musik, die Menschen zusammenführt.
Dieses großartige Stück mit den anderen Chorlis gemeinsam zu singen, darin zu schwelgen, den Kirchenraum mit unseren Stimmen zu erfüllen ist ein unbeschreibliches Gefühl. Fast schon spirituell😉 Haydn hätte sich sicher gefreut. Und vielleicht, nur vielleicht, lächelten auch Mond und Sterne an diesen beiden Abenden ein wenig heller über der Lutherkirche.
Text: Lisa Beisteiner, Sophie Tüllmann
Fotos: Susanne Grunsky


